Ich werde von meinen Freundinnen aufgefangen in meinem freien Fall. Es ist, als ob sie einen Geheim-Code haben, eine Art Bereitschaftsdienst, bei dem sie sich unabgesprochen umschichtig bei mir melden. Und da ist noch Manuel. Ich nenne ihn unseren Götterboten. Er ist wie er. Immer, wenn er bei ihm war, erfahre ich etwas. Meine einzige Quelle. Manchmal nicht viel, aber was ich dann höre, hat es in sich. Beim letzten Mal hat Manuel ihn gefragt, wie es seinem ältesten Sohn geht. Seine Antwort war: „Der mag mich nicht mehr.“ Er hat Fotos von uns in einer Schublade seines Vaters gefunden und hat ihn damit konfrontiert, höre ich. Er wollte es seiner betrogenen Mutter stecken. Der überführte Pa wusste nichts weiter zu sagen als „Mach doch!“. Das hat er natürlich nicht getan. Kinder wollen um jeden Preis, dass die Eltern zusammenbleiben. Die Fotos habe ich auch, in meiner Schublade. Sie zeigen mehr, als ein 16-jähriger Junge verdauen kann, noch dazu, wenn sein Vater der Urheber ist. Du hast es darauf ankommen lassen. Sonst hättest Du nicht eindeutige Beweise frei zugänglich deponiert. Genauso gut hätte deine Frau sie finden können. Jetzt weiß ich, wenn sie griffbereit in deinem Schreibtisch liegen, siehst Du sie dir auch an. Erst war ich auf Hundertachtzig danach: Die erbärmliche Memme riskiert es auf die Art, dass es raus kommen kann. Aber dann hat sich ein Gefühl wie geschmolzene Schokolade in meinem Bauch ausgebreitet und auf meinem Gesicht das Lächeln der Mona Lisa. „Vernichte die Bilder oder schließe sie weg. Ich will nicht, dass deine Söhne mich so sehen!“, lautet meine erste SMS an ihn seit seinem Abgang im Oktober.