Seit heute habe ich eine zweite Identität. Ich hab einen erstklassigen Mann aus mir gemacht und mich auf einer Schwulen-Plattform angemeldet, um dort mit Manuel zu schreiben. Oh Mann, das geht aber ab da, nicht wie bei Hetero-Schlafmützen auf ihren Portalen. Ich hab noch nirgendwo so eine gewaltige sexuelle Energie gespürt wie hier. Und: Wer da drin ist – ist auf Männer aus. Ich mein nicht mich, ich mein Maik damit. Na, und Manuel ja sowieso. Ich war so ehrlich wie möglich bei meinem Profil: „Ich steh auf Männer – schon immer.“ Hi, hi. Einer hat mich gleich sehr niveauvoll begrüßt: Das Auge, wie ich ihn nenne. Das bezieht sich auf sein Foto, das nur einen Augenauschnitt von ihm zeigt. Mit dem korrespondiere ich. Die Profile sind schon mal viel aussagekräftiger als auf „normalen“ Dating-Seiten. Ich hätte mich gern mit XXL bestückt, aber XL ist auch schon gut, wenn ich bedenke, dass ich vorher gar nichts hatte. Doch ich wollte mich nicht von einer Flut von Mails überrollen lassen. Deshalb bin ich auch bi und verheiratet, als Alibi, dass Dates schlecht zustande kommen können. Mistery Eye fragt: „Warum erst so spät, warst du so lange in deiner Familie gefangen?“ und ein anderer: „Schönes Profil, geht mir genauso wie dir.“ Ich muss dabei bloß umstellen, auf Männersprache: kurz und knackig. Das krieg ich hin. Und ich darf mich nicht verquasseln. Und ich mich muss dran denken, dass ich keine Dates buche. Würde ich am liebsten … Gleich, als ich da drin war, hab ich gedacht: Als bi-Mann sieht die Welt doch gleich ganz anders aus …
Dagegen ist Treffen mit Sonnenmann48, aus yafin Portal, wo ich Frau bin, einschläfernd. Ich schreib ihm: „Ich hab ’n Sohnemann, Sonnenmann ….“ Erst wollte ich nicht, wegen Sachsen-Dialekt, wobei mir ja bekanntlich nix ankommt. Aber er hat eine feine, süße Stimme – Frauenstimme. Vielleicht eignet er sich ja als Freizeit-Partner, denn er kommt zum Radfahren her. Ich könnte mir einen Urlauber-Pool aufbauen. Gute Idee! Aber der Normalo-Mann, die zweite Hälfte für die zweite Hälfte, gibt mir nichts. Das merke ich immer mehr. Die bi- und gay-Welt ist viel reizvoller. Rotlichtszene war auch reizend. Aber da wollte ich nur mal rein leuchten, wie es ist. Das hier ist anders – fesselnd. Ich krieg die noch alle durcheinander, wenn ich nicht aufpasse: männliche und weibliche Männer und bi und gay und hetero – und mich, mit meiner zweiten, neu aufgemachten Persönlichkeit. Wenn mir jetzt noch was wachsen würde …