Heute ist Dienstag, der 27. Mai

Ich les „Hundert Namen“. Die Hauptperson, eine Reporterin, interviewt Archie Hamilton, einen Mann, dessen Tochter kurz vor ihrem 16. Geburtstag misshandelt, vergewaltigt und ermordet wurde, und der wegen Rache am Täter im Gefängnis war. Er spricht über seinen Hass auf Gott. Er hat eine besondere Gabe: Er hört, was die Leute beten. So auch bei einer Frau am Nebentisch, die, wie er, jeden Tag dort ist. Die Reporterin will wissen, was sie betet. Nur ein Wort: Bitte – immer nur Bitte. – Sie betet dasselbe wie ich. Nur, dass ich das Gefühl habe, dass meine schon erfüllt wurde: Nicht mehr suchen zu müssen. Nicht mehr suchen müssen, heißt nur, nicht mehr suchen. Finden geht trotzdem. Ich würde lieber rausgehen, bei dem schönen Wetter. Aber Schreiben geht immer vor. Und ich will mich noch vorbereiten auf morgen. Auf den Tag, der Schicksal spielen will. Morgen treffe ich mich mit ihm. Mich mit einem anderen treffen, wo ich ich doch nur dich will – so muss lebendig verbrannt werden sein.

Vier Monate Tagebuch sind so gut wie um. Treffen zu dritt ist auf Initiative Manuel vom Tisch. Er sagt, es ist wie Tennis gegen die Wand spielen mit dir, und ich weiß, was er meint. Man läuft auch gegen die Wand bei dir. Alles weitere ist jetzt nicht aktiviert. Es wär ein Wunder, wenn noch ein Wunder geschieht, bis zum Ende des Buches. Am Ende, im Februar, werden wir uns so nah oder so fern wie noch nie sein. Telefonieren war so schön mit dir. Eine Woche später ein falscher Zungenschlag von mir oder in Chinatown ein Sack Reis umgefallen. Die Verbindung ist aus unbekannten Gründen unterbrochen und konnte nicht wiederhergestellt werden. Ich beantworte Schweigen mit Schweigen. Ich schick dir Tagebuchauszüge, was nicht dasselbe ist, wie mich direkt an dich zu wenden.

Ich bin grundlos glücklich.

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