Heute ist Donnerstag, der 22. Mai

Heute habe ich von meiner Mutter geträumt. Sie ist umgezogen in ein merkwürdiges großes, altes Haus. Und sie erzählt mir, Du bist eine Woche jeden Tag zu ihr gekommen und hast sie behandelt. „Vormittags, und dann haben wir gegessen. Und abends ist er wieder gekommen und wir haben Wein getrunken.“ – „Das machst du, obwohl du weißt, dass er mit Mir …?“ Ich bin entsetzt. Heute ist ein mysteriöser Tag. Irgendwas spüre ich, ohne, dass ich weiß was, wie eine Vorahnung … Meine Mutter ist seit über dreißig Jahren tot.

Heute ist Montag, der 19. Mai

Meine christlich-demokratische Bühnenfreundin meint: „Ich würde verrückt werden, wenn ich so leben würde, wie du!“ – „Das sieht nur so aus. In meiner Bauchmitte hält eine goldene Kugel auf einem Silbertablett schön die Balance!“ Sie wollte auch mal ein Buch schreiben, über Katholiken in der DDR. – „Mach doch!“ – „Ich weiß nicht …“ – „Sei entschlossen – und die Sache ist getan!“ Der Mensch bestimmt schon früh selbst, wie hoch er die Latte anlegt – darüber hinaus kommt er dann auch nicht.

Heute ist Sonntag, der 18. Mai

Gestern war Martina hier. Als sie aus dem Zug ausgestiegen ist, waren ihre ersten Worte – noch vor Hallo oder Guten Morgen: „Äääh …“ – „Was äääh ?“ – „Äääh Wolken …“ – „Wo?“ – Blauer Himmel und Sonnenschein und nur zwei kleine Wölkchen. Die sieht sie. Von da an wurde es trübe. Nachmittags hat dann doch meine Sonne über ihre Wolken gesiegt. Wir fahren in den Nationalpark und kommen an einem Vögel-Beobachtungsstand am See vorbei. Auf einmal fragt sie: „Hast du das hier eingeritzt?“ – Ich guck. Da stehen groß die Initialen von Maik. Keine weiteren Verewigungen, nur die beiden Buchstaben im Holz. Was ist das für ein Zufall? Ich mein, da hätten alle möglichen Alphabet-Kombinationen stehen können. Stehen sie aber nicht. Da stehen seine Anfangsbuchstaben. Vorher hab ich mich gerade mit ihr darüber unterhalten, dass es gut wäre, wenn ich jemanden für alle Tage hätte. Als wenn er damit sein Veto einlegen wollte …

Maik schreibe ich gestern, dass es mit Martinas Ankunft betrübt wurde. Heute fragt er per SMS: „Und, wie entwickelt sich die Wetterlage ?“ – Ich: „Sieht gut aus!“ – Er: „Wetter meine ich wegen Martina.“ – Gut, er hat mit keinem Wort gesagt, dass er kommen wollte, aber es ist Sonntag, er ist Biker, fragt nach dem Wetter und das Wetter ist prächtig. Seine Antwort „wegen Martina“ löst in mir ein emotionales Tief aus. Ob wir beide nochmal zusammen kommen? Das schreibe ich Manuel. Manuel geht, auch in Anbetracht unseres geplanten schönen Dates zu dritt, nicht besonders zärtlich mit ihm um: „Einen an der Waffel!“, ist alles, was er dazu zu sagen hat.

Du ahnst es nicht, was ich gerade im kostenlosen Sonntagsblatt gelesen habe: Beamter, 32 Jahre, Größe und Gewicht, sucht reife Sie bis 55! – Träume können wahr werden. Er erinnert mich sofort an jemand aus der Escort-Ära. Es war an meinem letzten Abend und ich war schon auf dem Weg zum Auto. Da bin ich nochmal kurz umgekehrt. Er wollte danach unbedingt meine Handynummer, die ich ihm auf einer von der Brötchentüte abgerissenen Ecke gegeben habe. Er hat sich nie gemeldet, und ich hab mich gefragt, warum. Das wäre ein Zufall, wenn er das ist. Dann haben die Götter ein Einsehen mit meiner Lage. Er war auch Beamter und in dem Alter und hat einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Beamter assoziiere ich auf allen Gebieten mit Versorgung, denn als Zahlungsmittel erhalten sie Versorgungs-Bezüge, ich auch. Bei ihm wäre ich versorgt. Er ist kein Kunsthandwerker, aber Feinmechaniker für Drechseln/Hobeln – mit einem guten Werkzeug. Ich hab gleich geantwortet und ab die Post. Versorgung wäre schön …

Wenn er das wirklich ist im Inserat, würde endlich mal Bewegung ins Spiel kommen. Diesmal wäre der Zufall auf meiner Seite. Manchmal hilft das Leben auch nach, statt sich nur quer zu stellen. Es wäre die Express-Antwort auf meine Bestellung beim Universum von gestern und – auch endlich mal – die passende Antwort des Lebens auf dein „Wetter meine ich wegen Martina“. Du sagst: „ Ich bin mir noch nicht im Klaren und ich lasse mir die Zeit, die ich dafür benötige, Nichts muss.“ – Das lässt offen, ob dir für Zweier oder Dreier die nötige Klarheit fehlt, was letztlich auch egal ist. – „Gar nichts muss, Maik. Wenn es soweit ist, wird es einfach Sein. Wir haben den Ort und dich, mich und Manuel. Da wird auch die Zeit noch kommen …“

Heute ist Sonnabend, der 17. Mai

Das Auge schreibt mir interessante Thesen. Heute: Bi ist nur ’ne Ausrede – bei den meisten. Ich sollte mal die Frauen ganz weglassen – einschließlich meiner Ehefrau – und meinen Sex mit Männern leben. Ich sollte gar nichts … Mit ihm zu schreiben, gehört mit zum Schönsten des Tages. Darüber, und was er sonst noch schreibt, denke ich mehr nach als über unseren Trio-Plan. Hoffentlich will er nicht mal telefonieren, dann muss ich abbrechen – oder mich outen. Manuel sagt, dann müssen wir uns was einfallen lassen. Das, was er schreibt, und Manuel sagt, geht mir durch den Kopf: Nur bi – oder mehr? Du hast so einen schönen dicken Schwanz. Wenn ich wüsste, dass er nur für Männer ist, könnte ich aufhören zu glauben, was nicht sein kann. Vielleicht weißt Du es selbst noch nicht. Was würde sich dadurch ändern zu dir? Nichts. Wer kann schon was für seine sexuelle Ausrichtung. Die Karten sagen immer wieder: massives schicksalhaftes Hindernis. Ich habe mich immer gefragt, was das sein könnte. Das wäre so ein Hindernis … Mein Lichtblick ist: Es ist immer weiter gegangen bisher. Das wäre es nicht, wenn nicht noch was kommen würde.

Heute ist nicht um Zehn Feierabend, sondern zwei Stunden später. Das Thema ist ’n Brocken, nicht so leicht verdaulich. Nachher gehe ich Schwesterchen zum Geburtstag gratulieren. „Ich wünsche dir noch einen sonnigen Tag“, schreibe ich Maik. Mann – ist das ein heißes Eisen …

Heute ist Freitag, der 16. Mai

Manuel teilt mir seine Befunde mit. Er hat Leber. Die angehende weise Frau meint: Leber kann auch die ganze Frust-Scheiße mit den GR-Typen sein, die du nicht verdaust. Oder vornehmer ausgedrückt: Die Frustrations-Toleranz-Schwelle ist überschritten. Da stimmt er mir zu. Auf seiner Praxis-Homepage steht: „Die Seele wird bei der Behandlung immer mit einbezogen.“ Aber dass jedes physische Gebrechen auch eine psychische Entsprechung hat, will er noch nicht so richtig wahrhaben. Genauso Sonnenmann. Mit 48 hat er ein falsches Knie. Er ist übrigens ohne Angabe von Gründen nicht erschienen. Das Lieblingswort der Ärzte für den Einsatz künstlicher Gelenke heißt Abnutzung. Wo nutzt denn beim normalen Mitteleuropäer was ab? Eher wird es nicht in Anspruch genommen und dadurch …

Heute ist Donnerstag, der 15. Mai

Als wenn manche Sachen nicht sein sollen. Date mit Fahrrad-Sonnenmann scheint auszufallen. Ich komm nicht mehr auf die Seite. Kann mich nur neu registrieren und nicht einloggen. Und registrieren geht auch nicht, weil ich schon drin bin. Gestern kam doch eine SMS von ihm: „Bin Mittwoch in W. Lust auf einen Kaffee?“ Kein Gruß, kein Kuss, kein Julius. Einigen mangelt es wirklich an gutem Benehmen. „Mit wem?“, frag ich zurück. – „Der Sonnenmann. Wir könnten uns neutral auf einen Kaffee treffen und dann vielleicht zu dir gehen.“ – „Was heißt neutral?“ – Neutral ist bei ihm direkt vor meiner Tür, mitten auf dem Markt beim alten Stadtbäcker. – „Du, ich wohne hier, wenn ich jeden abschleppe, mit dem ich mal einen Kaffee trinke …“ Er erzählt mir dann am Telefon, er hatte eine Knie-OP und ging an Stöcken, jetzt will er langsam wieder mit dem Fahrradfahren anfangen mit 40-km-Touren. Er glaubt wohl, dass ich zur Genesung beitragen kann. Er hat ein schönes Hotelzimmer hier, will aber zu mir gehen. Wie kommt er bloß darauf? – „Bei mir kommst du die Treppen gar nicht hoch – mit deinem Knie.“ Der Clou beim Telefonat war noch: „Sag mir nochmal deinen Namen …“ Abends schreibe ich an Maik: „Wenn ich daran interessiert wäre, könnte ich mir hier einen Urlauber-Pool anlegen.“ Und er eine Minute später: „Schlaf Du gut!“ – „Du schlaf auch hübsch und träum was Feines!“

Was Männer-mit-in-meine-Wohnung-nehmen betrifft: Es reicht schon, wenn meine Nachbarin mir erzählt, ihr jetziger Exfreund Peppo hat mal gesagt: Mary hatte Besuch, das hab ich bis auf den Flur gehört. Das war nachdem Maik bei mir war. Die arme Socke musste das mit anhören. Das Sexleben der beiden war grottig, vertraut sie mir an. Er wollte immer, dass sie ihm einen bläst. Macht sie nicht, sagt sie. Er ist abtörnend. Und Wichsen ist wie Daumenlutschen, sagt sie. Ist ihre Therapeuten-Meinung, der ich mich anschließe.

Heute ist Mittwoch, der 14. Mai

Mitten im Frühling träume ich, es war Weihnachten und neben dem Baum war eine Tür mit einem Postschlitz. Dadurch sind mir ganz viele Geschenke vor die Füße gefallen, in allen Größen und Farben. Baum – Schlitz – Geschenke: Halleluja – Lobet den Herrn – oder die Herren?

Vierter Mond Mai-Vollmond: VIRIDA – Grün wie der Frühling

Alte Namen: Feenmond, Wonnemond, Blumenmond

Heute ist Dienstag, der 13. Mai

Meine Freundin war hier. Ich hab ihr von unserem Trio-Plan erzählt. Sie fragt: „Wie fühlst du dich dabei, kannst du ihn teilen?“ – „Ja, jetzt ja …“ Ich hab es bei Manuel gesehen: Er möchte auch Kinder, ein bis zwei, und er kann auch eine Frau lieben, sagt er, aber er möchte auch einen Mann. Ich wünsche ihm, dass er so eine Frau findet, die das toleriert, und so einen Mann. Warum soll es die nicht geben? Ich glaube, bi heißt, man kann mit dem Einen nicht glücklich sein ohne das Andere. Ich sag meiner Freundin, ich hab gar keine Lust mehr auf den Sonnen-Mann. – „Ja, weil du alles hast, was du brauchst!“

Wir spielen es im Vorfeld in Gedanken durch, Manuel, Maik und ich. Ich schreibe an beide: „6 Lippen, 6 Hände und 30 Finger – und das ist noch lange nicht alles … drei schöne Hinteransichten, zwei ordentliche Stäbe, vier pralle Kugeln, zwei schöne Spielbälle, eine feuchte Gletscherspalte … und im Kopf hat jeder Vorstellungen, Wünsche und Variationen, die zueinander finden. Alles ergibt sich von selbst. Jeder merkt, was der andere möchte oder nicht möchte. Worte sind kaum nötig, dafür ein Blick oder eine Handbewegung, die Ja oder Nein oder Vielleicht sagen. Wir fühlen und spüren uns, wie wir es so noch nie erlebt haben. So schön stelle ich es mir vor …“ Maik antwortet fragend: „Bei den Gedanken kann man doch nicht gut schlafen, oder?“ – „Doch, sehr gut. Du nicht?“ Weiter schreibe ich ihm: „Manuel schreibt gar nichts mehr von One-Night-Stands, sondern er geht Einkaufen statt fast-food, macht seine Bude am Wochenende statt Party und spricht von Rotwein-Abend mit mir, der schön wäre …“ – „Ja, alles ist irgendwie anders“, empfindet auch mein Geliebter.