So viel wie heute habe ich noch nie geschrieben: Maik …
Das ist alles. Ich bin zu weich für deine Härte.
So viel wie heute habe ich noch nie geschrieben: Maik …
Das ist alles. Ich bin zu weich für deine Härte.
Eben wäre ich beim Lesen fast von der Couch gefallen. Es klopft ganz laut und energisch an meine Dachterrassen-Tür, was eigentlich nicht sein kann. Als ich guck, steht da eine Riesensilbermöwe und hackt ans Glas, als wenn sie durch die Türe rein will, und quakt was in ihrer Sprache. Als ich hingegangen bin, ist sie nicht mal weggeflogen. Nur langsam auf dem Hacken kehrt und um die Ecke gegangen, schwingt sich drauf, auf’s Geländer, und dann erst Flattermann. Paar Häuser weiter steht immer so ein Paar von denen auf dem Dach. Die beobachte ich immer, sind über einen halben Meter groß. Hab ich im Bestimmungs-Buch nachgeguckt. Ich guck mal in „Tierboten“, was es bedeutet. Also: Die spirituelle Botschaft Möwe ist – die Finderin. Wenn einem die Möwe auf besondere Weise begegnet, ist man wahrscheinlich intensiv auf der Suche nach dem Zielpunkt für den nächsten Lebensabschnitt. Man ist ohne Fixpunkt, wie ein Schiffbrüchiger auf hoher See. Es fehlt einem der Kompass. Die Möwe bringt den richtungsweisenden Nadelausschlag. Irgendwas hat der Möwenvogel mit mir gemacht. Wenn schiffbrüchig, hat sie mir in Morse-Alphabet was an die Scheibe geklopft. Sie hat mich wach geklopft!
Wo ist das alles hin mit uns? Ich mach alles Mögliche und Unmögliche, nur nicht … „Es liegt im Safe auf der Bank“, werden meine Gedanken unterbrochen. Wer hat das eben gesagt? Wessen Stimme war das? – Ich kann es nicht halten. Es zerrinnt mir zwischen den Fingern wie Venus das Blut von Adonis, als Jupiter-Zeus sich in einen wilden Eber verwandelte und seinen Rivalen tödlich verletzte. Dort, wo sein Blut in die Erde sickerte, wuchsen die wilden Anemonen. Auch bei mir wächst etwas Schönes, Blühendes daraus – das, was ich hier schreibe. Aber irgendwie habe ich eine Kreativitätsflaute. Ich hab zwar alles im Kopf, aber keine Lust, es zu schreiben. Weder dir noch ins Tagebuch. Badewanne, Massage, Lesen. Seit Tagen immer nur kalt und Regen. Die Sonne hat sich zurückgezogen. Im Mai – meinem liebsten Monat, weil er fast so heißt wie Du.
Ich soll mir einen Mann suchen? Ich denk, ich soll mal Liebesbriefe schreiben, an einen bestimmten. An dich – im dritten Teil meines Buches. Was soll ich da reinschreiben? „Lieber Maik …“ Und was noch? Das ist doch noch kein Brief. – „Schreib erst mal dein Tagebuch!“, höre ich wieder die Stimme, die von meinem Engel kommt. Ich entgegne: „Du könntest ihm auch meine Aufmerksamkeit entziehen. Ich wäre dafür.“ Da kommt keine Antwort mehr und ich habe das Gefühl, er ist nicht ganz loyal und hält mehr zu dir als zu mir. Es besteht grad nur aus Schreiben – Schreiben von mir. Ohne überfällige „Auffrischungs-Impfung“. Dazu fehlt mir momentan das nötige Verständnis. Und dafür verliere ich noch meinen Autoschlüssel!? Noch während meines Engel-Dialogs kommt ein Anruf, dass der Schlüssel sich wieder angefunden hat. Na ja, das ist auch eine Antwort – indirekt.
Gestern war Tages-Busfahrt mit Tantchen. Onkel kann nicht mehr so und sie musste mal raus. Ich hab ihr versprochen mitzukommen. Achtunddreißig alte Leute ins Alte Land. Und ich, vom anderen Stern. War aber sehr schön. Der Bauer erzählt: Dort heiraten, auch heute noch, nicht Mann und Frau. Es wird von Hof zu Hof geheiratet. Nach dem Motto: Schönheit vergeht, die Hektar bleiben! Schön war er wirklich nicht, der Herr Obsthof-Besitzer, der uns was über die Tradition der Äppel und Kirschen dort erzählt hat. Es war also eine Art Studienfahrt für mich und ich kam mir ziemlich allein vor als Verfechterin von Liebe aus Liebe. Als ich abends aus dem Bus steige, vermisse ich meinen Autoschlüssel. Ich ruf im Reiseunternehmen an und spreche meine Verzweiflung auf AB. Nächsten Vormittag Anruf von der Busfirma mit dem schönen Namen „Summer“, dass er gefunden wurde. Hatte sich im Sitz verklemmt. Das kommt davon, weil ich immer alles nur lose in der Tasche habe. Meine liebe Nachbarin, die im Nachbarort arbeitet, wo auch Summers ihren Firmensitz haben, holt ihn für mich ab und gibt ihn mir, mit einem schönen Engel-Anhänger aus Edelstahl verkuppelt, zurück. „Damit du ihn nicht so schnell wieder verlierst!“ Dumm nur, das Material erinnert mich an deinen Ehering – so matt.
Jetzt ist es zu spät. Du bist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Auch nicht, wenn jemand dazu kommt oder Du nicht hier bist. Vor einem Jahr wäre das noch möglich gewesen. Es muss und wird nichts Aufregendes werden. Ein Mann für den Alltag. Er kann mich dir nicht wegnehmen, der Mann aus Zeitungspapier. Das kann er nicht. Er weiß nichts von meinem geheimen Innenleben. Seh auch keinen Handlungsbedarf, ihm das mitzuteilen. Ich kann ihm ja wohl schlecht sagen, ich hab noch ne alte Liebe von anno 1505. Das kam mal bei einer Rückführung ans Tageslicht. Spielt aber jetzt nicht die Rolle, ist nur der Hintergrund. Und bei dir gehe ich nicht über deine Absperrungsmarkierung, und bis jetzt hast Du sie nicht aufgehoben, nicht mal gelockert.
Ich treff mich mit einem 32-Jährigen! Und ich bin willens, ihn in mein Leben zu lassen. Ihn oder einen anderen. Jetzt müsste Maik eigentlich wach werden. Wenn er jetzt nicht aufwacht, Gutnacht! Junior 32 begrüßt mich grinsend mit „Hätte schlimmer kommen können!“ Für die Art Komplimente bin ich nicht zugänglich. Zwei Tage nach dem Date fragt ‚Hätte schlimmer kommen können“: „Hast du nächstes Wochenende Lust auf einen Hausbesuch?“ Das teile ich Maik informativ mit. Und jetzt kommt ein Statement von ihm: „Bestimmte Sachen stehen Ihm nicht zu. Er kennt die Geschichte nicht.“ Das denke ich aber auch. Martina meint: „Hm, ich frag mich nur, wie er darauf kommt, dass IHM was zustehen könnte?“ Ach Martina, Ich find das sehr erotisch …
Mich überkommt ein seltsames Gefühl, wenn ich dein Profil in C4, deiner Live-Sex-Cam, sehe und die Kommentare zu deinen Übertragungen lese: „ … und die schön behaarten Schenkel … geil ne Ladung abgespritzt …“ Du exhibitionierst dich vor aller Welt. Das bist Du. Manuel fragt wieder mal: „Was macht Maik?“ – „Gibt die aktuellen Zuschauerzahlen von C4 durch.“ – „Ja, aber ich habe mich nicht prostituiert“, schreibst Du. – „Exhibitioniert, habe ich gesagt! Nein, Du nicht, aber ich! Ich habe es gemacht, als ich dich am meisten gebraucht habe. WO WARST DU DA?“ Cybersex versaut die Männer. Sie können, wollen und brauchen’s nicht mehr Richtig. Ich hab nur Frontal-Fantasien mit dir im Kopf, keine virtuellen. Ob Embargo von dir oder nicht …
Ich les „Hundert Namen“. Die Hauptperson, eine Reporterin, interviewt Archie Hamilton, einen Mann, dessen Tochter kurz vor ihrem 16. Geburtstag misshandelt, vergewaltigt und ermordet wurde, und der wegen Rache am Täter im Gefängnis war. Er spricht über seinen Hass auf Gott. Er hat eine besondere Gabe: Er hört, was die Leute beten. So auch bei einer Frau am Nebentisch, die, wie er, jeden Tag dort ist. Die Reporterin will wissen, was sie betet. Nur ein Wort: Bitte – immer nur Bitte. – Sie betet dasselbe wie ich. Nur, dass ich das Gefühl habe, dass meine schon erfüllt wurde: Nicht mehr suchen zu müssen. Nicht mehr suchen müssen, heißt nur, nicht mehr suchen. Finden geht trotzdem. Ich würde lieber rausgehen, bei dem schönen Wetter. Aber Schreiben geht immer vor. Und ich will mich noch vorbereiten auf morgen. Auf den Tag, der Schicksal spielen will. Morgen treffe ich mich mit ihm. Mich mit einem anderen treffen, wo ich ich doch nur dich will – so muss lebendig verbrannt werden sein.
Vier Monate Tagebuch sind so gut wie um. Treffen zu dritt ist auf Initiative Manuel vom Tisch. Er sagt, es ist wie Tennis gegen die Wand spielen mit dir, und ich weiß, was er meint. Man läuft auch gegen die Wand bei dir. Alles weitere ist jetzt nicht aktiviert. Es wär ein Wunder, wenn noch ein Wunder geschieht, bis zum Ende des Buches. Am Ende, im Februar, werden wir uns so nah oder so fern wie noch nie sein. Telefonieren war so schön mit dir. Eine Woche später ein falscher Zungenschlag von mir oder in Chinatown ein Sack Reis umgefallen. Die Verbindung ist aus unbekannten Gründen unterbrochen und konnte nicht wiederhergestellt werden. Ich beantworte Schweigen mit Schweigen. Ich schick dir Tagebuchauszüge, was nicht dasselbe ist, wie mich direkt an dich zu wenden.
Ich bin grundlos glücklich.
Manchmal sehe ich hier einen Mann. Ich schätz ihn ca. fünfzehn Jahre älter als mich. Er ist mir gleich aufgefallen. Er erinnert mich an den Vater meiner Tochter, der auch dreizehn Jahre älter ist als ich: dunkle Haare, braune Augen, auch wie der Vater meiner Tochter, und ich seh ihn immer alleine. Er sieht sehr interessant aus und wirkt anziehend auf mich. Wir sehen uns immer nur an und nichts weiter … Ich weiß nicht mal, welche Augenfarbe Du hast. Ich glaub, gar keine.
Du hast gesagt, Du kannst nicht mehr in Gedanken mit mir gehen … Ich weiß. Das ist Tiefsee-Tauchen jetzt. Da werden die Perlen gefunden. Ich bin eine Perlentaucherin. Du kannst nur schnorcheln und siehst bunte Korallenriffs. In meine Tiefen kannst du mir nicht folgen. Dein Bruder hat doch eine Tauchschule … Wie wär’s mit einem Kurs?
Neulich war monatlicher Treff in Grün-Lila bei mir um die Ecke. Der Veranstalter zitiert aus einem Buch über Liebe. Sinngemäß: Begehren ist keine Liebe. Es tötet sie. Man soll die Blume betrachten und sich an ihrem Anblick erfreuen, ohne sie zu pflücken. Dann guckt er erwartungsvoll in die Runde wegen Meinungen. Ich: „Schön! Hat er da noch mehr so verrückte Sachen drin stehen?“ Die anderen halten wohlweislich ihre Klappe.
Gut, dass der Zeitungs-Mann gestern nicht angerufen hat. Gestern war ich nicht ganz da. Doch, ganz da war ich, nur nicht hier – ich war schon wieder bei dir. Er wartet zu lange. Solange kann ich ihm meine Tür nicht offenhalten. Zu dir kann er nicht durchdringen.
Heute ist Hexen-Seminar. Thema: Wie gehe ich durchs Leben? Gang und Füße begucken. Bei mir sagt unsere Oberin: „Guckt euch das mal an: Sie hat einen großen Liebeszeh. Das ist der, der an den Händen dem Ringfinger entspricht. Er steht ganz gerade und alleine da. Das heißt, das ist für sie ein völlig eigenständiges Thema und nicht mit dem Zeh für Denken und Handeln verbunden. Ob das nun gesund ist oder nicht, wenn es ihr gut tut, ist es in Ordnung. Und so, wie er dasteht, ist sie überzeugt davon, Liebe ist da für sie und sie muss sie sich nicht erst verdienen (im Gegensatz zu den anderen Teilnehmerinnen). Sie hat zur Zeit nichts weiter zu tun, als Bücher zu schreiben …“ – „Was für Bücher?“, fragen alle. – „Lebensberichte“, antwortet sie ganz cool an meiner Stelle und noh bevor ich was sagen kann. Über die Auswertung meiner Füße lachen alle.
Unter vier Augen fragt sie mich dann: „Und?“ – „Nichts und.“ – „Lass ihn!“ War’n kurzes Gespräch – Maik betreffend.
Auf dem Rückweg halte ich wie immer auf meinem Parkplatz „Zum Goldenen Frieden“. Da ruft der Zeitungsmann an. Es ist nicht er, mein Beamter. Es ist Frank. Aus der Stadt, wo ich gerade herkomme. Seine Stimme ist nicht besonders männlich. Aber gut. Wir vereinbaren ein Date für nächsten Freitag, 15 Uhr, am Brunnen auf dem Markt bei mir. „Wie erkenne ich dich?“ – „Ich hab ein T-Shirt an mit einer Frau mit Sonnenbrille drauf.“ Ich denk, was soll der Quatsch, dass mich von seiner Brust eine Frau anguckt? Ich hab eins mit Segelboot-Fotoprint. Wenn ich das anziehe, kann sie auf den Meerbusen schauen. Er ist zur Zeit in der Ausbildung zum Feuerwehrmann, erfahre ich. Mit Berufsfeuerwehrmann war ich schon mal verheiratet. Also Fireman hatte ich schon mal. Ich geh nüchtern zum Date. Er ist nur ein Ersatz-Spieler. Alles andere als prickelnd. Jetzt kommt es darauf an, ob A-, B- oder C-Schlauch …
Erster Himmelsstern Plenarius. Die Atlantis-Karte drückt aus: Lass deine geistigen Beschränkungen los und alles, was du willst, kann geschehen. Das ist mein Buch, das ist mein Mann. In diesem Jahr geht es nicht um Gefühle, es geht um Ego und Besitz. Beides hat nichts mit dir zu tun. Berg, Turm und Wolken bei Lenormand – es geht grad nicht mit uns. Wie lange grad ist, weiß der Himmel. Ich denke nicht mehr in Tagen, Wochen, Monaten und Jahren, wenn ich sage: Wenn es diesmal nicht klappt, dann beim nächsten Mal. Ich denke in Zeiträumen von Inkarnationen, seit ich unsere in einer timeline gesehen habe. Keine Bilder, außer bei einer, sonst nur: ein Schleier – ein Raum – ein Schleier – ein Raum – ein Schleier … Diese ist nur eine von vielen. Und damit ist es wirklich egal, ob wir uns heute sehen, morgen oder irgendwann mal.
Wo ist mein Kind, wo ist mein Reh? Jetzt komm ich noch einmal, und dann nimmermehr …