Wir sind uns beide ebenbürtig, auf Augenhöhe. Ich will dich nicht mehr, als Du mich willst. Du willst mich nicht weniger, als ich dich. Das weiß ich und ich weiß, dass Du es weißt. Wenigstens das ist gerecht bei dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit. Auch, wenn wir uns so beide nicht haben. Wenn Du Sex mit mir hättest, wärst Du mit der göttlichen Quelle verbunden. Sagt die Heilerin. Ich habe ein Top-Experten-Team, das ich zu dir befragen kann: Eine Heilerin, eine Wahrsagerin, eine Astro-Frau. Doch die beste Expertin für dich bin ich – mit meiner weiblichen Urkraft und Intuition.
Heute ist Dienstag, der 11. Februar
„Würde jetzt gern deine suchenden Lippen auf meiner Haut spüren …“ Du hast so schöne Worte auf Schmetterlingsflügeln zu mir geschickt. Das konntest Du auch. Dazu muss man wissen, was Du sonst geschrieben hast. Das mag nicht jede Frau. Das habe ich auch sehr genossen. Ich bin ja nicht jede.
Heute ist Montag, der 10. Februar
Gestern kam es nochmal ganz schlimm, den ganzen Tag. In mir waren die Furien los. Erst Wut, dann Weinen, dann endlich Einschlafen. Du hast verfügt, ich brauch dich nicht, und bist gegangen. Du hast mir gezeigt, was dir wichtiger ist. Das hat mir sehr weh getan. Zum ersten Mal habe ich mir das eingestanden. Ich hab die ganze Nacht von dir geträumt. Es ist noch nicht vorbei. Ich kann noch nichts dagegen tun. Ich muss meine Liebe aushalten. Sex ist herzlos, Liebe ist liebevoll. Wenn Du wenigstens herzlos wärst. Dann wäre es vielleicht leichter. Vielleicht. Wie es dir wohl damit geht ? Ich möchte dich in die Arme nehmen und sagen, ich bin bei dir, die ganze Zeit. Das geht nur nachts in meinen Träumen. Fühlst Du das? Neulich wollte ich losgehen und mir Hochzeitsschuhe kaufen. Auch im Traum. Kein Kleid, Schuhe. Für eine Hochzeit mit einem verheirateten Mann …?
Heute ist Sonntag, der 9. Februar
Ich werde von meinen Freundinnen aufgefangen in meinem freien Fall. Es ist, als ob sie einen Geheim-Code haben, eine Art Bereitschaftsdienst, bei dem sie sich unabgesprochen umschichtig bei mir melden. Und da ist noch Manuel. Ich nenne ihn unseren Götterboten. Er ist wie er. Immer, wenn er bei ihm war, erfahre ich etwas. Meine einzige Quelle. Manchmal nicht viel, aber was ich dann höre, hat es in sich. Beim letzten Mal hat Manuel ihn gefragt, wie es seinem ältesten Sohn geht. Seine Antwort war: „Der mag mich nicht mehr.“ Er hat Fotos von uns in einer Schublade seines Vaters gefunden und hat ihn damit konfrontiert, höre ich. Er wollte es seiner betrogenen Mutter stecken. Der überführte Pa wusste nichts weiter zu sagen als „Mach doch!“. Das hat er natürlich nicht getan. Kinder wollen um jeden Preis, dass die Eltern zusammenbleiben. Die Fotos habe ich auch, in meiner Schublade. Sie zeigen mehr, als ein 16-jähriger Junge verdauen kann, noch dazu, wenn sein Vater der Urheber ist. Du hast es darauf ankommen lassen. Sonst hättest Du nicht eindeutige Beweise frei zugänglich deponiert. Genauso gut hätte deine Frau sie finden können. Jetzt weiß ich, wenn sie griffbereit in deinem Schreibtisch liegen, siehst Du sie dir auch an. Erst war ich auf Hundertachtzig danach: Die erbärmliche Memme riskiert es auf die Art, dass es raus kommen kann. Aber dann hat sich ein Gefühl wie geschmolzene Schokolade in meinem Bauch ausgebreitet und auf meinem Gesicht das Lächeln der Mona Lisa. „Vernichte die Bilder oder schließe sie weg. Ich will nicht, dass deine Söhne mich so sehen!“, lautet meine erste SMS an ihn seit seinem Abgang im Oktober.
Heute ist Sonnabend, der 8. Februar
Ich habe ein schönes Einkaufsspiel. Wir sind beide beim Wochenendeinkauf. Nach fünf Minuten legst Du mir die Hand auf die Hüfte und schiebst mich ungeduldig vorwärts. „Komm, wir haben alles, was wir brauchen.“ Ich lass mir Zeit und sage: „Ich brauch noch Dies und Das … .“ Ich weiß, Du willst nach Hause und mich gleich im Flur. Weil ich weiß, dass es dich noch mehr erregt, sage ich: „Nein, die Nachbarin könnte uns sehen. Komm wenigstens bis zur Treppe.“ Dabei fühle ich deine Supermarkt-Hand so intensiv auf mir, als wärst Du wirklich neben mir.
Heute ist Freitag, der 7. Februar
Ich hab heut Avatar gesehen, auf DVD in 3D. Der Film soll gechannelt sein, hab ich gehört. Ja, ist er. Ich sehe dich, heißt dort, auf Pandora: Ich nehme dich wahr. Ich sehe dich, Maik. Und ich beschwöre dich: Komm, wenn Du frei bist dafür, nicht einen Tag eher. Einen Ehemann kann ich nicht gebrauchen, oder besser gesagt, einen verheirateten Mann. Nein, einen dritten Ehemann brauch ich wirklich nicht. Ich möchte mit meinem Mann Schönes erleben. Ich möchte keinen Mann, der Worte wie „Alibi“ und „kompromittieren“ im Zusammenhang mit mir verwendet. Das ist so unwürdig für mich, wie es für dich Kondome sind, wie Du sagst.
Heute ist Donnerstag, der 6. Februar
„Wo ist das Herz aus rotem Stein!
Es hängt an einem Seidenbande.
O du, o gib das Herz nicht her;
Ich war ihm treu und hatt‘ es lieb,
Und diente sieben Jahre schwer
Um dieses Herz, und hatt‘ es lieb!“
Gustav Meyrink, „Der Golem“
Es hängt an der Decke, das Herz aus rotem Stein, an meiner Wohnzimmerlampe schwebt es über mir. Ich habe dich sieben Jahre lang begleitet. Oder sieben lange Jahre? Das wird keiner von uns beiden auslöschen können.
Heute ist Mittwoch, der 5. Februar
Ich bin der tiefe klare See. Ich glaub, ich brauch nur abzuwarten, bis Du in mich eintauchst. Manchmal bin ich versucht, etwas nachzuhelfen. Und genau das werde ich nicht tun.
Heute ist Dienstag, der 4. Februar
Klirrende Kälte. Februar. Stille Betrachtung der inneren Landschaft. Du bist gegangen, nur Du kannst auch kommen. Ich kann dir nicht entgegen gehen. Nur so kannst Du kommen. Er kommt im Winter, hat die Wahrsagerin behauptet. Es hängt sehr viel davon für mich ab. Wie lange hältst Du es noch aus, Maik? Mehr Winter als jetzt geht nicht. Strahlender Sonnenschein. Welch eine Wonne. Die Sonne strahlt Hoffnung aus.
„Glauben Sie mir, am schwersten gibt ein Mann das auf, was er eigentlich gar nicht will.“
Albert Camus „Der Fall“
Heute ist Montag, der 3. Februar
Du kennst sicher „Matrix“ – den Film. Welche Kapsel würdest Du wählen? Die blaue oder die rote? Die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus, das Wunderland – oder es ist alles aus: Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das, was du glauben willst? Bedenke: Auch hier ist es deine letzte Chance. Auch hier ist alles, was ich dir anbiete, die Wahrheit … Ich würde immer die rote schlucken.