Heute ist Freitag, der 1. Oktober

Die E-Mail kam gestern:

Liebe Frau Schulz,

Sie hatten sich ja Ende letzten Jahres bei mir gemeldet bezüglich meiner Stellenanzeige (Service/Reinigung Ferienhaus in Göhren-Lebbin). Hätten Sie ggf. noch Kapazitäten und Interesse? Ich würde mich über einen Anruf/Antwort sehr freuen. Mit freundlichen Grüßen …

Sie hat mir damals mitgeteilt, dass sie mit einem Dienstleistungsunternehmen zusammenarbeitet und mir viel Glück gewünscht. Das gleiche hab ich auch gedacht – viel Glück! Ich wollte auf meine Kurzantwort noch dazu schreiben: Damit bleibt mir meine ungekündigte Stellung in der Gutshaus-Gastronomie erhalten. Das kann ich ja jetzt, mit dem Hinweis – ich bin nicht Frau Schulz! Too late …

Ein bisschen Aroma, ein bisschen Paloma,
Ein bisschen Chichi …
Ein bisschen Hallo heute Nacht irgendwo …

Fängt gut an, der Oktober, wenn mir das durch den Kopf summt.

Heute bin ich auf den Tag 10 Jahre hier! Ich bin zu Kaufhaus Stolz gefahren, da war ich nur einmal zur Eröffnung, und hab mir eine dunkelblaue Kapuzen-Sweatjacke gekauft. Sehr schön, das war Eingebung! Meine drei alten Lieblingsjacken, die ich mir immer um die Hüften schlinge, haben alle Brandlöcher und der Reißverschluss ist kaputt. Die haben jetzt ausgedient. Genau wie meine alten Asics, die hab ich mir hier im Sportladen gekauft, als ich herkam. Ich hab vorhin im gleichen Sportladen, der inzwischen nur umgezogen ist, schon ein schönes Paar anprobiert und zum Verkäufer gesagt: Das überschlaf ich noch eine Nacht, vielleicht bis morgen! Oder bis nachher – ich geh gleich nochmal runter. Das ist doch ein Anlass, mein 10jähriges Jubiläum hier.

Ich hab nicht nur Laufschuhe gekauft, ich hab auch Bilder verbrannnt, die schon viel eher ins Feuer gehört hätten, als ich hier angekommen bin. Die wollten nicht in Flammen aufgehen, ich hab das Feuerzeug so lange rangehalten, bis nichts mehr übrig war.

Ein bisschen Hallo heute Nacht irgendwo … Ich hab noch mehr zum Verbrennen.

Donnerstag, 30. September

Dieses non-revival, oder wie man’s nennen will, hat mir nochmal klargemacht, was ich will und was ich nicht will. Ich schreib das in der Nacht – 01:45 Uhr – bevor ich ins Bett fall.

Ich hab hier noch schöne Outdoor-Fackelkerzen für die Terrasse – in grün, orange und gelb. Ab morgen zünd ich die an, hab ich gedacht, da ist der 1. Oktober. Nicht morgen – heute! Feier den Übergang …

Und im Fackel-Kerzenschein seh ich, heute hab ich 7 Besucher mit 184 Aufrufen. Aufrufe pro Besucher: 26,29

Ich glaub, das Universum spielt auch gerne. 26 ist meine Hausnummer, 29 – das war mal seine.

Mittwoch, 29. September

Pfffff … 14 – 22:30 Uhr Guti-Gutshaus. Das war meine letzte lange Schicht in diesem Jahr und überhaupt. Mach ich nicht mehr. Normalerweise macht man als Aushilfe die Café-Schicht von 14 – 18 oder die Abendschicht von 17 Uhr – das nennt sich dann Back up – bis open end.

Und dann noch nur Fritzi und ich, Oksana hatte frei, weil eine Landsmännin von ihr heute zum Probearbeiten kommen sollte und wollte, aber nicht kam. Eigentlich waren wir zu dritt – mit Chef – doch die Küche finalemente blieb natürlich an Fritzi und mir hängen.

Eben auf der Terrasse hab ich gedacht, wenn ich sowas schreib wie gestern, ist gleich Follower-Schwund. In dem Moment hab ich die zweite Sternschnuppe in diesem Jahr gesehen. Für mich ist das normal, für viele andere sicher nicht.

Heute ist Dienstag, der 28. September

An einem Abend, das war an einem Sonntag, als mir das einfiel – bin ich in meiner Ahnenreihe zurückgegangen. Dabei hab ich gefragt: Wer von Euch war glücklich, als Paar – als Mann und Frau? Es hat nicht lange gedauert, dann war eine Frau da, auf der weiblichen, mütterlichen Linie. Sie hat mich angesehen. Sie war deutlich. Es war auch ihr Mann neben ihr, nur blasser, wie früher gestorben, aber er war da. Bei der Frage nach ihrem Namen, kam ANNA. Mein erster Gedanke: Meine Großnichte heißt Anna Sophia und – Anita ist die spanische Verkleinerungsform von Anna. Erst hab ich gedacht, haben sie keine Kinder? Aber muss ja, sonst wären wir nicht da.

Ich glaube, das sind die Eltern oder Großeltern meiner Urgroßmutter, weil sie kurz danach kamen. Ich hab mein Tantchen gefragt, ob sie noch was über ihre Urgroßeltern weiß, wie sie hießen, wo sie gelebt haben. Nein, nichts. Meine Oma, ihre Mutter, wird ihr auch nichts über sie erzählt haben. Sie hatte erst mit dem Krieg und den Verlusten für sie zu tun und hat danach alle Erinnerungen begraben.

Weiter, als bis zu ihrem Namen, bin ich nicht gekommen. Das war auch nicht nötig, so wie sie mich angesehen hat. Ihre Züge find ich in Jontes Gesicht wieder …

Es gibt noch einen Satz dazu zu sagen, den heb ich mir für später auf, wenn ich ihn formulieren kann …

Ich wollt noch sagen, die Verbindung läuft nicht über Worte, sondern über Gedanken und Bilder. Wer sich jetzt wundert: Das kann jeder, der was wissen möchte, was wichtig für ihn ist. Wenn wir fragen, bekommen wir eine Antwort.

Montag, 27. September

Neuer Montags-Gelassenheitsspruch:

Den Puls des eigenen Herzens fühlen. Ruhe im Innern, Ruhe im Äußern. Wieder Atem holen lernen, das ist es. Christian Morgenstern

Gestern war so ein Tag – Wieder Atem holen lernen. Abends hab ich noch was geschrieben, das hat nur keiner mehr gelesen. Ich transportier es mal hier her:

Den Wahl-Sonntag hab ich zum schönsten Tag gemacht, denn ich hab gedacht, man hat immer die Wahl, und ich nutz das Geschenk des schönen Tages, eh er vorbei ist. Statt zu Hause zu bleiben und dumpf vor mich hinzubrüten über Tochter, Chefin oder nichtssagende Antwort – wenn ich das auch Meditation nenn, damit es sich besser anhört – hab ich nach dem Wahlgang, Urnengang will ich nicht schreiben, eine Radtour um die Feisneck gemacht. An der letzten abgelegenen Badestelle war ich mit den Füßen im Wasser, hab mein Kleid hochgerafft und war so weit drin wie möglich. Das Wasser war frisch, hatte aber noch gut Badetemperatur. Da hab ich mich ausgezogen und bin geschwommen, am 26. September! Und so ein Prickeln auf der Haut danach … Dann hab ich barfuß mein Rad über die Wiese bis zur Straße geschoben und mich als Kind gefühlt. Ich hab mich vollkommen gefühlt, und nicht nur halb.

Am Hafen war ein Kunsthandwerkermarkt. Bei einem mit schönen Bio-Baumwoll-Kindersachen aus der Lausitz hab ich für Jonte eine tolle mitwachsende Herbst-Winter-Hose gekauft und bei einer mit schöner alter Wäsche eine Leinenschürze für mich, damit Guti-Gutshaus Spaß macht. Kurz vor der Haustür bin ich noch draußen beim Ratskeller eingekehrt. Auf dem Markt fing gerade eine Straßenmusikantin in wunscherschönem Sommerkleid an, Geige zu spielen. Den bestellten Camembert mit Bierchen hat mir der spaßige Kellner auf Französisch serviert – Merci! – und anschließend gefragt: Na, willst du noch wat haben, meine Liebe? Beim Bezahlen noch die Frage: Und, eine schöne Zeit gehabt? Ich sah aus wie ein Rucksack-Fahrrad-Touri. Ja, jeden Tag, ich wohn hier gleich um die Ecke …

So schön, so schön war’s lange nicht.

Sonntag, 26. September

Als ich vorigen Sonntag mit meiner Tochter telefoniert hab, war die Eröffnung ein betriebswirtschaftlicher Vortrag. Ab 1. Dezember ist sie Leiterin des Sprachenzentrums an der Uni Rostock, ihre Chefin geht in Rente und sie hat den Zuschlag bekommen. Da hab ich mich gefreut für sie. Doch mein Kind ist für Sanktionen gegen Ungeimpfte, somit auch gegen ihre Mutter – sie können die Hörsäle durch den Mindestabstand nicht voll auslasten und es ist ein großer Aufwand, alles zu regulieren. Ich hab nur gesagt, die Impfquote ist wie sie ist und das hat seinen Grund.

Dann kam der familiäre Teil, in dem es hauptsächlich um mich und Jonte ging und dass sie sich freut, dass wir so ein gutes Verhältnis haben. Dafür hab ich auch was getan durch die Anmietung meiner Zweitwohnung, um in der Nähe zu sein. Zum Schluss hat sie gesagt: Mutti, vielleicht kann ich dich noch motivieren, doch wählen zu gehen – für Jontes Zukunft. Der Nachsatz sollte wohl Wirkung zeigen. Ich hab gesagt, wenn du mich motivieren willst, gehst du davon aus, dass ich nicht wählen gehe. Das war in den ersten Jahren hier so, dann hab ich gewählt.

Für Jontes Zukunft – meine Chefin kam mir auch damit: Wenn du dich nicht impfen lässt – was ist mit der Verantwortung für dein Enkelkind? Wenn ich glauben würde, dass ich meiner Verantwortung dadurch nachkommen würde, würde ich es tun. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Sonnabend, 25. September

Ich wollt noch was zu’n Wahlen schreiben. Das lass ich. Ich denk nur, die aufgehängten Plakate sind ein gutes Studienfeld für Gesichts-Physiognomie. Mit 50 hat jeder das Gesicht, das er verdient, heißt es, und so sind auch den Kandidaten ihre Lebensläufe und Charakterzüge ins Gesicht geschrieben. Ich weiß, wen ich davon nicht wählen würde …

Heute Abend nochmal Guti-Gutshaus mit Grillen und nächsten Sonnabend, dazwischen Mittwoch eine lange Schicht, Café und abends. Dann kommen im Oktober nur noch Café-Schichten 14 – 18 Uhr. Das ist auch dringend nötig. Ich bin so lustlos … Das kostet mich viel Überwindung heute. Am liebsten würde ich Zuhause bleiben und keinen sehen.

Das ist nochmal’n milder Abend, wohltuend nach dem Herbstbeginn. Der Guti-Gutshaus-Abend war auch erträglich. Obwohl zusätzlich zum Grillen noch eine 80. Geburtstags-Feier war, lief alles gesittet ab und nicht so chaotisch wie sonst. Zum Grillen waren auch nur 6 Personen, nur der Aufwand ist der gleiche, ob 6 oder 26 da sind. Mir ist alles egal, solange ich meine Ruhe hab.