Sonnabend, 6. Juni

Acht – die Glocken läuten. Rossman rollt die Angebote raus und der Grüne Markt wird aufgebaut. Der mit dem größten Blumenstand, wo ich manchmal kaufe, steht mit Kaffeebecher in der Hand bei dem mit der Gulaschkanone, in der aber Erbsensuppe ist. Ich guck mir alles an wie ein großes Wimmel-Bilderbuch. Während ich schreibe, scheint mir warm die Sonne durch das Ostfenster auf den Rücken. Das ist eine schöne kleine Welt, die dazu da ist, dass es mir hier gut geht.

Zu der gehör ich auch, bin aber nicht mittendrin und nicht beteiligt. Ich seh es mir von oben an. Beim Blick aus dem Fenster im 3. OG trifft das auch wörtlich zu, aber auch wenn ich unten bin, fühl ich mich nicht als Teil davon. Ich bin in meinem inneren Garten. Das ist der Ort, den jeder in sich hat und an dem man ganz bei sich ist und nichts im Außen einem was anhaben kann. Schöne Eindrücke lass ich rein, unschöne bleiben draußen. Mit Guti-Gutshaus ist es auch so, bei Stress kapsel ich mich ab. Das ist eine schützende Hülle um mich rum, wie eine Seifenblase, die aber bei Berührung nicht zerplatzt. Bei sich ankommen, kann man auch dazu sagen. Den Garten anlegen macht Arbeit, dann braucht er kaum noch Pflege.

Auch Fritzi hat gärtnerisches Vokabular. Honigblüte nennt er mich jetzt, davor Rosenblüte …

Freitag, 5. Juni

Ganz viele haben zur Zeit einen Wasserschaden – Waschmaschine, Spüle, Dusche, Keller, sogar die ganze Wohnung geflutet von oben, also der darüberliegenden Wohnung, und das nach Renovierung! Hör ich von allen Seiten. Wasser sind Gefühle und die wollen frei fließen und Wasser sucht sich seinen Weg.

Ich hab keinen. Gestern hab ich mich im Wohlgefühl der Badewanne bedankt beim Wasser – es reinigt mich, es klärt mich, es wärmt mich, es kühlt mich, es trägt mich, es nährt mich. Es ist mein Element als Wasserzeichen Krebs. Es regnet seit gestern …

Heute ist Vollmond im Schützen und Halbschatten-Mondfinsternis. Der Mond steht auch für tiefe Gefühle, aber auch für Illusionen, Ängste, Süchte. Er bringt Licht ins Dunkle. In diese Mondphase passt Arbeiten gar nicht rein. Am besten wär nur Ruhe, Rückzug, Schlafen!

Dafür volles Guti-Gutshaus, aber immerhin zu viert, Chefin, Fritzi Koch, Anja, die gestern Geburtstag und 2 Tage frei hatte, und ich. Wenn dann aber noch so Pannen wie ein Zimmer für eine Anreise nicht gereinigt auftreten, heißt das noch zusätzlich Stress. Und ausgerechnet Engelswacht, die Honeymoon-Suite, mit der großen Mosaik-Badewanne für Zwei … Ich hab immer nur an Feierabend und Terrassen-Rotwein gedacht.

 

Donnerstag, 4. Juni

Ich hab bis um 11 geschlafen und komm jetzt erst langsam zu mir. Vielleicht geht’s am zweiten Tag schon besser und meine bequemen Hüften kommen wieder in Gang … Nebeneffekt ist, ich werd wieder verpflegt in der Guti-Gutshaus-Küche. Fritzi will auch gelobt werden. Wie war die Bratwurst – Wildschwein – ? Danke, gut. Wenn’s mir schmeckt, sag ich, sehr gut, hervorragend oder ausgezeichnet. Aber dafür kann er ja nicht bei Bratwurst. Im Gegenzug hab ich gefragt: Wie findst’n meine neue Schürze? Sexy …

Heute hatten wir aus gegebenem Anlass ein Thema: Liebe und Treue. Wir heißt, Chefin Bettina, Fritzi und ich. Peter, ein Vater aus dem Dorf kam mit seinen Töchtern, 14 und 16, die bei uns einen Ferienjob suchen. Das Problem da ist, hat Bettina gesagt, ihm ist die Frau weggelaufen, die hat wohl einen anderen. Woanders ist es umgekehrt, hab ich gesagt, da verschwinden die Männer. Bettina führte an, dass ihr Sohn Emil – einer von vier Heldensöhnen – auch weiblich multitasking unterwegs ist. Fritzi meinte, er ist immer treu. Treu wie Gold?, hab ich gefragt. Ja, aber der Trend geht wohl zur offenen Beziehung, sagt er.  Ein Glück, dass ich das nicht mehr miterleben muss.

Dann hab ich auf Wunsch noch eine Erdbeer-Mascarpone-Torte gebacken. Zeitaufwand 50 Minuten – tatsächlicher Zeitaufwand das Doppelte, weil dauernd was dazwischen kam. Gästewünsche nach Kinder-Hochstuhl, Baby-Bett und alle möglichen Fragen zur Umgebung, zum Kamin, zum Pi-pa-po …

 

Mittwoch, 3. Juni

Ich hab keine Lust auf einen Mann mehr, hab ich gestern Abend gedacht. Ich war gezwungen, mit mir selbst auszukommen und komm ganz gut mit mir zurecht. Das hat sich als am beständigsten erwiesen. Ich hab auch keine Lust mehr auf Arbeiten. Heute ist der erste Tag nach 3 Monaten Pause, das kostet Überwindung. Ich will nur meine Terrasse und meine schöne Umgebung genießen und nichts denken. Ich kann nicht 14 Jahre hoffen, dass alles gut wird, 2 davon ganz ohne Kontakt. Damit bin ich nicht allein, das geht vielen so in solchen Konstellationen – und über noch längere Zeiträume hinweg. Die meisten in dem Stadium besinnen sich auf sich, bei vollem Bewusstsein der Verbindung.

Gestern schrieb die Chefin: Liebe Anita, morgen reicht 17 Uhr, es ist grad ruhig. Antwort: Auch gut, bis morgen!

5 Stunden zum Warm up haben gereicht. Die Chefin war da und Fritzi Koch. Hast du mein Auto auf dem Parkplatz gesehen?, hat er gleich nach der Begrüßung gefragt. Nein, ich weiß gar nicht mehr, was es für eins war, Ford Mustang glaub ich. Du hast mir am meisten gefehlt von allen, hat er gesagt. Ja, sicher … Doch wirklich! Er ist ein Charmeur vor’m Herrn. Hat sich nichts geändert bei ihm. Morgen Beginn um 16 Uhr – und dann hab ich auch schon 2 von 4 Tagen geschafft.

Dienstag, 2. Juni

Nach dem schönen Pfingstwochenende kann ich mich schon auf Sonntag freuen. Steffi, die älteste Tochter meiner jüngsten Schwester Tine, wird 30 und kommt aus Berlin nach Hause, um da zu feiern. Als Überraschung hat Tine Paul und Andrea eingeladen und Du bist hiermit auch eingeladen, hat sie mir geschrieben. Steffi weiß davon nichts. Das wird schön, da seh ich meine Kinder und wir feiern im Garten bei Tine. Das Wetter soll die ganze Woche prächtig sein! Für Paul und Andrea hab ich aus dem Museums-Shop Wörlitzer Park ein wundervolles Buch mitgebracht – Landhaus & Bauerngärten von Mein schöner Garten. Sie legen gerade ihr Grundstück an. Das ist mir gleich ins Auge gefallen, zusammen mit meiner königlichen Schürze.

Doch vorher hab ich noch 4 Guti-Gutshaus-Tage von Mittwoch bis Sonnabend. Um so mehr genieße ich heute noch den freien Tag als verlängertes Pfingstwochenende. Ende Juni feiert Silvia ihren 60. in Feldberg. Damit ist nach dem letzten Maiwochenende auch das letzte Juniwochenende arbeitsfrei. Im Juli und August werd ich das genauso machen – immer ein freies Wochenende im Monat. Zum Glück brauch ich nicht fragen oder das beantragen. Ich brauch nur zu sagen: Ich kann oder ich kann nicht. Erst wollte ich schon anbieten, im Notfall auch mal bei der Reinigung mitzumachen, hab dann aber gedacht, im Service zu arbeiten reicht voll und ganz. Überlastung und Überanstrengung vermeide ich ab jetzt …

Montag, 1. Juni

Neuer Montags-Gelassenheitsspruch:

DAS GLÜCK IST EIN MOSAIKBILD, DAS AUS LAUTER UNSCHEINBAREN KLEINEN FREUDEN ZUSAMMENGESETZT IST. Daniel Spitzer

Das Pfingstwochenenende waren größere Freuden, sehr schöne – Wörlitzer Park, Lutherstadt Wittenberg, 3 Nächte im Heidehotel Lubast, Grillen und gestern Kaffeetrinken bei Silvias Schwester und Familie im 3 km entfernten Nachbarort in der Dübener Heide, 50 km von Leipzig entfernt. Petrus hat mitgemacht, was auch sehr zum Gelingen beigetragen hat. Jetzt erstmal ankommen …

Aus dem Museums-Shop im Schloss des Parks hab ich mir eine schöne Schürze für Guti-Gutshaus mitgebracht – Preußisch Rot mit Kronen drauf, die ist der Clou! Motivation für die Arbeitsaufnahme nach der langen Pause. Gestern nämlich, am Pfingstsonntag, schrieb die Chefin: Wir können gut Hilfe gebrauchen, tatsächlich Mittwoch bis Samstag, jeweils ab 16:00 Uhr, oder ist dir das zuviel? Da bin ich erstmal in mich gegangen und hab dann geschrieben: So weit passt es, ich weiß nur nicht, wie es unter Maske geht, das wird sich zeigen. Damit hab ich meine Bereitschaft signalisiert und mir gleichzeitig ein Hintertürchen offen gelassen. Das ist sonst nicht meine Art, doch ehe ich Schnappatmung mit dem Teil bekomme – es soll noch dazu heiß werden – lass ich es lieber.

Heute kam SOS von Guti-Gutshaus – sie suchen dringend Leute, die Lust haben bei der Reinigung mitzumachen – das ist eine positive Formulierung für Putzjob, obwohl es bei uns human ist – und auch Servicekräfte. Ich hab geantwortet, das kann ich nur unterstützen zur Entlastung der vorhandenen … damit mein ich auch mich.

2 Tage war ich weg und die Aufrufe zeigen das. Man muss immer dran bleiben, wenn man Erfolg haben will. Doch ich schreib nur für mich und dich und Zaungäste.

 

Freitag, 29. Mai

Um 4 bin ich aufgestanden und hab damit weitergemacht, womit ich gestern Abend um 9 aufgehört habe – Krempeltempel-Entrümpelungsaktion. Ein besonders schönes Exponat, ein Holz-Huhn von Sigi im Bikini mit Sonnenbrille, steht noch auf der Treppe und wird zum krönenden Abschluss entsorgt. Bloß weg mit dem Kram …

Es ist prächtigstes Pfingstausflugswetter. Wir fahren nachher kurz nach Mittag los. Montag schreib ich wieder. Allen schöne Pfingsttage mit ganz viel Sonnenschein!

Donnerstag, 28. Mai

Die Idee ist, jung zu sterben – so spät wie möglich. Das steht unter einem Foto, das mir Christa gestern als Gute-Nacht-Bild geschickt hat. Es zeigt eine Frau, die auf der Straße tanzt, äußerlich 20, im Gesicht über 70. Der Traum von der ewigen Jugend! Über lange Strecken fehlt in Seelen-Prozessen der Tanzpartner und man steht allein auf der Tanzfläche. So lange, bis jeder für sich realisiert hat, worauf er sich eingelassen hat: Dance me to the end of love … Touch me with your naked hand, touch me with your glove … singt er mit seiner unter die Haut gehenden Stimme. Ich fass mich mit Samthandschuhen an, so verletzlich fühl ich mich, und mach es mir so schön, wie nur irgend möglich.

Ich hab mir erstmal einen schönen dunkelblauen Bahnenrock gekauft für unseren Pfingstausflug. Den hab ich im vorigen Jahr schon mal angepasst in Anziehbar, da war er zu eng. Jetzt war er auch noch zu eng, aber ich hab ihn zu bekommen und wenn ich ihn bis unter die Brust hochzieh, geht es. Der muss sogar so getragen werden, hat die Verkäuferin gemeint. Das hab ich ihr gerne geglaubt. Ich hab zwar viele Sachen im Schrank, aber viel davon alt und vieles auch schlecht kombinierbar. Das ist ein richtiges Wohlfühl-Teil – schwingend, in schöner Länge, mit Taschen … Das sind Sie!, hat sie gesagt. Ja, ich weiß.

Mittwoch, 27. Mai

22. Kalenderwoche – Dual = eine Zweiheit bildend, aus 2 bestehend. Ich denk, ich hab meine Sache gut gemacht bis jetzt. Nicht Sehr gut, auch nicht 1 +, aber GUT. Eine gute 2 ist besser als eine schlechte 1, hat meine Lehrerin immer gesagt, wenn ich eine 2 als ungerecht empfand. Hat Entwicklungspotenzial …

Entwicklungspotenzial hat auch mein Abwasch, das meiste geschafft, noch Besteck und Töpfe. Was quäl ich mich immer, mit so einem banalen Alltagsding.

Aniko hat gefragt, ob ich morgen mit ihr nach Müritzhof fahr. Ich hab abgesagt, weil ich noch zu tun habe, aber ich überleg’s mir nochmal. Eine Radtour wär ganz gut, je nachdem, wie Wetter ist.

Dienstag, 26. Mai

Manja hat gefragt, ob ich ihr mal die Karten legen kann. Dazu bin ich nicht befähigt genug, hab ich gesagt. Nächstes Mal nehm ich Sentenzia – Feuerherz und Flügelschwert mit – das Tarot mit Sprüchen, da kann sie mal eine Karte ziehen.

Das hab ich heute früh auch mal gemacht: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht – 7 der Münzen.

Das ist die Geduldskarte … Immer fleißig arbeiten. Heute hab ich erstmal ausgeschlafen, dann Wäsche gewaschen, um die Garderobe für den Pfingstausflug fein zu haben, und von EDK Blumenerde geholt. Nachmittags kommt Aniko, wir wollen Grünes und Blühendes  pflanzen und umtopfen.

Mittagessen ist eine Packung Rahmspinat mit Blubb – 800 Gramm Blattgemüse, passend zum Krebs-Mond.

Über 3 Stunden haben wir mit Aniko die Terrasse zum Terrassen-Traum umgestaltet. Ich genieß den Abendfrieden draußen und danke dem Allmächtigen für Liebe, Familie, Freunde, Glück.